Hast du keine Angst?

Hast du keine Angst?

Die Frage bekomme ich des öfteren gestellt und meine Antwort lautet immer: Nein. Denn es gibt eigentlich keinen Grund Angst zu haben, also sagt mir mein Hirn logischerweise die richtige Antwort ist „Nein“.

Aber umso näher der Abflug und der Start des Trails rückt, umso nervöser werde ich und muss mir eingestehen ganz so einfach ist die Antwort vielleicht doch nicht. Es gibt ein Dutzend Dinge die mir bei diesem vorhaben eine scheiss Angst machen, ob begründet oder nicht. Hier mal die größten Angstfaktoren:

Wildtiere

Ja ich laufe mitten durch die Wildniss und dementsprechend werde ich wohl auch das ein oder andere Tier sehen. Während ich mit allerlei krabbelnden Tierchen keine Probleme habe – auch wenn ich jetzt nicht scharf auf Spinnen oder Skorpione in meinem Bett bin – habe ich richtige Angst mal was größeres zu treffen. Was mach ich wenn plötzlich ein Bär vor mir steht? Auf dem Trail gibt es eigentlich nur Schwarzbären, die im Gegensatz zu Grizzleys, ziemlich harmlos sein sollen. Ich glaube jeder Hiker hat auf dem Trail zumindest einen Bären gesehen, eher ein paar mehr. Und diese Bären lassen sich entweder gar nicht stören oder setzen ihren Fellhintern fluchtartig in Bewegung. Aber wenn der Bär dann doch auf mich zukommt? Von groß machen bis totstellen gibt es alle möglichen Tips die man beherzigen sollte und wahrscheinlich würde ich mich nur heulend hinkauern und warten, dass mich das Vieh zerfleischt oder schreiend davonlaufen. Ich hoffe ich bin bei meiner ersten Bärenbegegnung halbwegs suverän und kann so einen Augenblick auch wertschätzen, das erlebt man ja auch nicht alle Tage.

Neben Bären gibt es noch ein anderes großes Tier, was mir schlaflose Nächte bereitet: Berglöwe/Puma

Die bekommt ein Hiker zu 99% nicht zu Gesicht, aber sie sind da und sie wissen, dass du da bist… Im übrigen ist es für die Nerven nicht gerade beruhigend sich YouTube Videos mit entsprechenden Begegnungen anzuschauen. Keine Ahnung warum ich mir das antue. Nein, es wurden bis dato keine Hiker von Berglöwen gefressen (zumindest gibt es keine Belege dafür) aber wenn ich etwas auf dem Trail nicht sehen möchte, dann einen Berglöwen. Davonrennen ist in dem Fall wahrscheinlich tödlich, da das den Jagdinstinkt der Berglöwen reizt. Ich hoffe einfach, dass ich so stinke, dass mich selbst ein Berglöwe nicht zum Abendessen will.

Klapperschlangen… Gibt es in den Wüstenregionen andauernd und ich hoffe, dass die auch rechtzeitig klappern und mich warnen. Die Viecher liegen nur bevorzugt in der Sonne direkt auf dem Trail, wenn man nicht aufpasst hat man schnell mal eine Klapperschlange unterm Schuh und als Konsequenz wahrscheinlich die Zähne im Bein. Also Kopfhörer raus, Augen und Ohren offen halten und bevor man sich auf einen Stein setzt erstmal drunter gucken.

Hitze

Wer mich kennt, weiß, dass ich kein Sommerfan bin. Ab 25 Grad aufwärts bewege ich mich kaum noch nach draußen. Und nun will ich 700 km durch die Wüste wandern. Ich werde sterben… Ich hoffe darauf, dass ich früh aus meinem Schlafsack kriechen kann und nach Möglichkeit schon um 5 Uhr unterwegs bin, so dürfte ich dann schon bis 10 oder 11 Uhr ordentlich Meilen gemacht haben um dann Siesta zu halten, bis es am späten Nachmittag wieder kühler wird und ich noch ein paar Kilometer laufen kann. Vielleicht werde ich dann auch mit dem ein oder anderen schönen Sonnenuntergang belohnt. Alternativ wandern viele auch direkt Nachts um der Hitze aus dem Weg zu gehen, dann hält sich die Aussicht allerdings in Grenzen. Naja der Körper wird sich schon an die Temperaturen gewöhnen und zur Übung geht es die nächsten Wochen noch das ein oder andere mal in die Sauna 😀

Körperliche Herausforderung

Der Körper eines durchschnittlichen Büromenschen ist eine Belastung von 15-20 Meilen pro Tag bestimmt nicht gewöhnt und da ich abgesehen vom Wandern für Sport so gar nichts übrig habe, wird der Trail bestimmt nicht einfach. Verletzungen insbesondere durch Überbelastungen sieht man auf dem Trail in den ersten Wochen wohl sehr häufig. Meine Plattfüße und meine kaputten Knie werden mir den Weg nicht einfacher machen. Im schlimmsten Fall sitze ich nach 3 Tagen auf dem Trail heulend im Sand und kann keinen Meter mehr laufen. Ich habe mir vorgenommen, die ersten 1-2 Wochen die Strecken wirklich recht kurz zu halten, also irgendwas zwischen 10 und 15 Meilen. Wenn ich die ersten Tage so übertreibe, dass ich dann erstmal eine Woche Pause brauche, dann hab ich da auch nichts von. Ansonsten Tränen wegwischen und weiterlaufen, ist ja schließlich kein Sonntagsspaziergang.

Mentale Herausforderung

Es wird bestimmt Tage geben an denen alles einfach nur beschissen ist, die gibt es im normalen Alltag und auch der Trail liefert keine perfekte Welt. Schlechtes Wetter, Schmerzen und dann kippt man vielleicht noch ausversehen das letzte Wasser um und man möchte einfach nur noch heulen. Diese Tage wird es geben und man kann nicht einfach nach Hause, sich bei seinem Freund in die Arme kuscheln und alles ist wieder gut. Man muss sich also selbst wieder aus einem Tief raushelfen. Ich glaube nicht, dass ich zu den Menschen gehöre, die schnell unter Heimweh leiden. Aber wenn einfach alles scheiße ist und keiner ist da, der einen aufbaut, dann kann das durchaus sehr hart werden. Vielleicht hat man Glück und findet gute Freunde auf dem Trail, die einem durch solche Momente durchhelfen ansonsten gilt es durchzuhalten. Der nächste Tag sieht oft schon wieder viel besser aus. Eine wirklich sinnvolle Regel unter Hikern ist „Never quit on a bad day“. Ja aufgeben ist eine Option, aber eben nicht aus einer bestimmten Situation heraus.

 

Also ja, es gibt sehr viel was mir echt Angst macht bei diesem ganzen Vorhaben. Aber einfach kann ja jeder. 😉 Nichts von all dem hält mich davon ab in knapp 5 Wochen in Campo zu starten und wahrscheinlich werde ich nach einigen Wochen über einige meine Ängste lachen.


9 Gedanken zu „Hast du keine Angst?

  1. Hej Anne! Gut, auch dieses Jahr wieder einen „erzählenden“ deutschsprachigen Blog zum Reinstöbern zu haben! Das mit der „tierischen“ Angst wird sich sicher legen, der Artikel „List of fatal cougar attacks in North America“ der englischen Wikipedia behauptet, diese Art von Angriffen seien seltener als Blitzschläge. Ups… habe ich jetzt was falsch gepostet? Sei zunächst unbesorgt, in den ganzen von mir verschlungenen Blogs gab es nur fliehende Schwarzbären und halt die Rattler. Was auch immer geschieht, versuche es zu geniessen! Viel Feind, viel Ehr… alleine der gewonnene Startplatz und der Entschluß, es zu versuchen lassen mich vor Ehrfurcht im Drehstuhl versinken.

    1. Jaja befeuer mal schön meine Alpträume mit den Listen
      Nein alles gut. 😉 Ich glaube ohne ein paar Ängste wäre das ganze nur halb so aufregend.

      Versink nicht zu tief vor Ehrfurcht noch hab ich nix ehrfürchtiges getan (die Puma-Begegnung steht ja noch aus), außerdem liest es sich dann so schlecht im Drehstuhl. Ich werd auf jeden Fall versuchen mit meinem Blog bestmöglich über Freud und Leid auf dem Trail zu berichten.

      Lg
      Anne

  2. Hallo Anne, ich kann mich Deinen Gedanken nur anschließen.Habe aktuell auch viel zuwenig Zeit mich noch besser vorzubereiten. Aber in der Ruhe liegt die Kraft und dann gehts erst mal langsam los. Bestimmt begegnen wir uns auf dem PCT 😉
    Liebe Grüße Sandra

    1. Nur 2 Tage die du vor mir startest, könnte also gut möglich sein, dass wir uns über den Weg laufen.
      So langsam wird es ernst für uns. 🙂
      Tipps zur Beruhigung für die nächsten Wochen?

      LG
      Anne

  3. Hallo Anne,
    habe heute Deinen Blog gefunden und freue mich jetzt schon, Dir auf dem PCT zu folgen. Ich träume davon, den PCT in 2020 zu gehen (dann muss ich nicht mehr arbeiten, bin also schon ziemlich viel älter als Du ;-)) Letztes Jahr habe ich im Juli am Monument 78 gestanden, nachdem wir wegen der Waldbrände in British Columbia unsere Route änderten und bin seither endgültig „angefixt“ (nachdem ich vor etlichen Jahre „Der große Trip“ las und natürlich den Film sah und und und … Schon der Weg von der Manning Park Lodge zum Monument war ein Erlebnis! Und klar wird Dir jetzt etwas mulmig, so kurz vor dem Start, aber Du machst das schon, Du bist doch gut vorbereitet, außerdem bist Du ja nicht mutterseelenallein auf dem PCT unterwegs… Die Bären sind – glaube ich – nicht das Problem, in allen Blogs die ich bisher gelesen habe, kamen die eher kaum vor. Danke übrigens für die ausführliche Beschreibung zur Erlangung des PCT permits und des Visums! Und jetzt genieße einfach noch die Zeit mit all Deinen Lieben und Freunden!
    LG Barbara

    1. Hallo Barbara,
      freue mich über jeden Mitleser. Ich habe im letzten Jahr auch so einige Blogs verschlungen und von meinem Hike auf dem PCT geträumt. Ich hoffe du kannst deinen Traum verwirklichen. Wenn du irgendwelche Fragen hast, die ich dir jetzt oder während oder nach meinem Trip beantworten kann, dann einfach melden.
      Ja, werde die letzten 3 Wochen noch genießen. Auch wenn die Zeit jetzt echt rast.
      LG
      Anne

  4. Nur noch 24 Tage, beim letzten Besuch waren es noch 45. Ja, Gedanken macht man sich, und das wird wohl die nächsten Wochen nicht besser 🙂 Aber du scheinst gewappnet und taff genug. Freu dich drauf und wir drücken dir die Daumen…

    1. Dankeschön. Werde jeden Tag nervöser aber gleichzeitig steigt die Vorfreude. In 3 Wochen bin ich schon in San Diego. 😊

  5. Meine liebe Anne,

    ich finds so super, dass du uns über den Blog mit auf deine Reise nimmst und bin nach dem Lesen auch schon ganz aufgeregt…ich weiß noch genau, wie du mir „damals“ von deiner Idee erzählt hast und jetzt gehts schon in drei Wochen los – unglaublich!

Die Kommentare sind geschloßen.

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